Die Stecknadel
“Die Stecknadel” ist der zweite Teil der Fortsetzungsgeschichte A mit dem Arbeitstitel “Vertigo”.

[Fortsetzung von Katzentheater]
Doch es gibt noch mehr, was mich beunruhigt. Ich muss in 2 Stunden wieder der alte Sein und Aspirin ist aus. Wie soll ich das nur schaffen? Was würden die anderen von mir denken? Würden sie mich verhören? Um mich schließlich anzuklagen und mit Häme zu bestrafen? Ich wusste, dass ich schuld bin. Aber soweit durfte ich es nicht kommen lassen. Ich werde das Frühstück absagen. Mir geht es ja nicht so gut. Das wäre ja nicht einmal gelogen. Altbekannte Ausrede , aber durchaus erfolgreich. Und umso eher ich anrufen würde, desto schneller könnte ich mich auskurieren. Neuanfangen. Ehe ich dies zu Ende denken konnte, hielt ich schon den Hörer in der Hand, die Nummer der Auskunft, Anja, getippt. Ich nenne sie nur scherzhaft Auskunft, weil sie immer auf dem Laufenden ist und Nachrichten schneller verbreitet als einem lieb ist. In solchen Fällen ist ihr unbremsbarer Mitteilungsdrang jedoch der Vorteil schlecht hin, besonders wenn man zu faul ist, jeden einzelnen anzurufen und wenn man krank ist – so wie ich – ist telefonieren ehe nicht das Beste. Es klingelte. Doch keiner nahm ab. Erst nach 4 Minuten ununterbrochen Dauerpiepens nahm Anja den Hörer ab. „Hey, ja. Du, bevor du weiter redest, soll ich jetzt noch Brötchen mitbringen? Oder treffen wir uns jetzt doch bei LostHellos, dem mexikanischen Bistro, wie ursprünglich geplant?“ Anja war zum Glück wie immer. Erst hatte ich den Verdacht, dass etwas nicht in Ordnung sein müsste, da Anja sonst ein Typ von Mensch ist, bei dem das Telefon immer griffbereit liegt und ein Anruf direkt entgegen genommen wird. Selbst in den absurdesten Momenten. Ein Mal hab ich sie auf der Toilette erwischt, ein anderes Mal in Flagranti mit ihrem Freund. „Auskunft“ passt also wirklich in zweierlei Hinsicht wie die Faust aufs Auge. 24 Stunden erreichbar und immer informiert. „Ich denke LostHellos ist besser. Weil dann müssen wir nicht noch extra die Brötchen kaufen und später aufräumen. Können ja nach dem Frühstück immer noch zu dir oder mal sehen. Wir finden schon was. Wir werden schon nicht verhungern. Ach, Mike kommt heute nicht. Er ist krank, hat abgesagt. Ach, wieso hast du eigentlich angerufen?“ Das war mein Stichwort, um schnell mit der Sache aufzuräumen und allen Problemen aus dem Weg zu gehen. Bevor sie weiter ausholen konnte, riss ich das Steuer an mich. „Ich bin auch krank. Mir geht’s heute richtig schlecht. Kopfschmerzen und gerade war ich schon auf der Toilette. Du verstehst schon. Ja?“ – “Gute Besserung. Dann werde erstmal gesund. Das Frühstuck verschieben wir dann. Okay?“ „Sorry. Ich will dich abwimmeln, aber ich möchte mich noch hinlegen. Wir sprechen demnächst wieder?“ „Okay, Bye, werde schnell wieder fit“ „Jop, Danke, Ciao“ und ich hatte es geschafft, die ganze Aktion platzen zu lassen. Mit einer Stecknadel an der richtigen Stelle und ohne viel Kraft zu bemühen. Aber die Kraft brauche ich ja auch, um wieder gesund zu werden. Jegliche Reserve ist dort erforderlich, um nicht einen Schwächeanfall zu erleiden. Vielleicht etwas übertrieben. Aber seit meiner letzten großen Krankheit bin ich vorsichtig geworden. Manche würden es vielleicht übervorsichtig nennen, aber Ohnmacht prägt ganz schön.
Es raschelt ganz leise

