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Monatsarchiv für Juli 2010
Geschichten
27. Juli 2010

Tag 16

Tag 16Als ich morgens wie gewöhnlich durch meinen Radiowecker geweckt wurde, konnte ich meinen Ohren kaum trauen. In der Nähe meines Standes wurde gerade eben eine Frau erdrosselt aufgefunden. Weiteres ist bisher noch nicht zum Tathergang bekannt. Anders, als sonst jedoch – ich bin ein Morgenmuffel -, war ich dank dieser Nachricht direkt hellwach, weil ich mir Gedanken über die Person machte, welche gestern im Regen unbehelligt umherstreifte und dann ganz plötzlich vom Erdboden verschwand. War sie das Opfer? Ist sie nicht nur metaphorisch umgekommen, sondern wahrhaftig? Mitten am Tag in einer belebten Straße und keiner hat es bemerkt? Außer ich – der sie im Menschenwirrwarr verloren hatte. War ich deswegen schuldig? Hätte ich etwas tun können? Hätte ich sie suchen müssen? Aber selbst wenn, hätte ich sie wieder finden können, ehe es zu spät ist? Und was hätte ich tun können? Aber jetzt ist ehe alles zu spät. Viel zu spät. Sie ist tot. Verdammt.

Gedichte
20. Juli 2010

Auf Zeit

UhrEin lauter Knall
Ein Startsignal
Sie macht sich bereit
Zu laufen
Zeit beginnt
Sekunden vergehen
Beschleunigen
Rennen davon
Gezielt geradeaus
Dem scheinbaren Ziel entgegen

Die umgebene Welt verwischt
Die Welt am Rande des Weges
Wird unwirklicher
Mit jedem hinter gelassenen Maß
Ein kleines Stück
Das Hier und Jetzt
Augenblicke
Dann ganze Stunden
Scheinen wie weggeblassen
Als wären sie nicht existent
Ausradiert
Verflogen

Stoppen lässt sie sich nicht
Hindernisse hindern nicht
Im Gegenteil
Sie ist Zielstrebig
Uneinholbar
Bezwingen wirst du sie nicht
Der ewige Zweite bleiben
Denn ist sie immer einen Augenblick weiter,
Als du laufend denken kannst
Sieh es ein und erfreue dich des Zweiten
Oder gib auf und verlasse die Bahn
Die Wahl allein liegt bei dir

Gedichte
13. Juli 2010

Spiegelbild

SpiegelIch schaue in den Spiegel
Und sehe nicht mich
Sondern Jemand Anderen
Das bin nicht ich
Was ist nur geschehen?
Warum habe ich es nicht bemerkt?
War ich blind?
Oder hab ich zu selten geguckt

Ich sehe dich
Wenn ich in den Spiegel schaue
Wie du mir zulächelst
Wenn ich dich liebäugle
Wenn ich traurig gucke
Tust du es auch
Wenn du mich verärgert begrüßt
Färbt es auf mich ab
Und verätzt mir den Tag
Es ist unheimlich
Denn ich weiß
Wie du als nächstes reagierst
Und doch ist es schön
Weil wir uns spiegeln
Uns gegenseitig verstehen
Niemand ist alleine
Nur du und ich
Ein Spiegelbild

Gedichte
6. Juli 2010

Lebenssprung

Du springst
Lässt dich fallen
Binnen Augenblicken
Stürzt du meilenweit
Vom sicheren Plateau
In eine ungewisse Zukunft
Lässt alles hinter dir
Alle Zweifel und Probleme
Die dich oben gehalten haben

Ob du sicher ankommen wirst
Ob ein Fallschirm dich retten wird
Und dich im letzten Moment hält
Oder ob du schmerzhaft zu Boden knallst
Bleibt bis zum letztem unklar
Die Zeit rafft dahin
Die Gedanken kreisen

War es das Risiko wert?
Oder ein todbringender Fehler?
War alles Umsonst?
Dann ist der Moment gekommen
Du blickst verzweifelt nach Oben
Willst zurück in die Sicherheit
Zu spät
Der Fallschirm öffnet sich
Ein neues Leben beginnt