Gedankenfresser
“Gedankenfresser” ist der sechste Teil der Fortsetzungsgeschichte A mit dem Arbeitstitel “Vertigo”.

[Fortsetzung von Wiese und Nichtwissen]
3 Minuten waren erst vergangen, die ihm jedoch wie eine kleine Ewigkeit vorkamen. Wie die 2 Stunden, die er verloren hatte. Stunden, die für immer ausradiert schienen. Er wusste nicht weiter. Was würde beim nächsten Blackout passieren? Er hielt inne, dachte an den letzten Abend zurück, die letzten Stunden, an das, woran er sich noch erinnern konnte. An die hellen Momente an diesem schwarzen Tag. Einem Tag, an dem die Sonne wollig hoch schien. Einem Tag, den der Großteil der Menschheit genoss – den auch er genießen würde, wenn er sich nicht in dieser misslichen Lage befände. Wilde Theorien über die vergangene Zeit kamen ihn in den Sinne und stellten ein Best – Of seiner letzten gesehenen Science– Fiction – und Horrorfilme dar. Wurde er von Außerirdischen entführt? Hat eine fremde Macht Besitz über ihn ergriffen? Dazu würde passen, dass er sich fremdartig fühlte. Alle Gedanken, die er dachte und Bewegungen, die er ausübte, kamen ihn fremdgesteuert vor. Nur, wenn ihm wirklich so etwas wiederfahren wäre, hätten seine Entführer sicherlich sauberer gearbeitet und nicht so stümperhaft, dass ihm solche Zweifel kämen. Sie hätten es so arrangiert, dass sich die ganzen Erlebnisse alltäglich anfühlen und nicht besonders. So, wie die letzten Stunden vor seinem Blackout. Er zweifelte. Hatte er vielleicht doch Recht mit seiner absurden Theorie? Und vielleicht hatten sie – seine Entführer – einfach einen kleinen Fehler bei seiner Neuprogrammierung gemacht und diese schlägt nun voll durch. Ein Fehler in der Matrix sozusagen. Aber wieso hatten sie gerade ihn auserwählt? Er war nicht besonders. Er hatte keinen tollen Job. Keinen Einfluss. Würden Außerirdische, Maschinen oder höhere Mächte nicht eher Jemanden auswählen, mit denen sie schnell Erfolg bei ihrer Invasion erreichen könnten? Oder hatten sie ihn einfach auserwählt, weil es nicht auffallen würde? Bei einem Wirtschaftsmogul oder Politiker wären sie vielleicht direkt aufgeflogen – vor allem bei so einer stümperhaften Durchführung?
Er hatte es. Vielleicht war er einfach nur der Versuchsballon? Der jetzt geplatzt war – wie das geplante Frühstück seiner Freunde. Nun war er vielleicht nutzlos geworden und wurde deswegen auf dieser Wiese wieder abgeladen, den eigenen Gedanken wieder überlassen. Vielleicht ist auch einfach nur die Verbindung zum Sendemast unterbrochen, der ihn über Funkwellen mit Informationen versorgt und so den Schein der Selbstbestimmtheit aufrecht erhält. Sein Handy hatte schließlich auch keinen Empfang. Vielleicht war er auch einfach in ein Funkloch gekommen? Er wusste es nicht. Eigentlich wusste er gar nichts. Eine plausible Antwort hatte er nicht. Stattdessen kamen ihm nur wilde Fantasien in den Kopf. Absurde Geschichten. Abnormale Erklärungen. Aber was war heute schon normal? Wenigstens fühlte sich das Gras normal an, dachte er sich, als er das Gras, welches er die letzten Augenblicke durch seine Finger gleiten ließ, verzweifelt zu Boden warf.
Bin ich vielleicht verrückt geworden? Aber wieso gerade ich? Wieso nur? Müsste ich dann nicht ausgefallenere Visionen haben? Von fliegenden Elefanten zum Beispiel? Und nicht so etwas recht langweiliges. Ich weiß keine Antwort darauf. Wer sollte mir auch schon helfen können? Gerade jetzt. Ich kann niemanden anrufen. Was soll ich tun? Darauf warten, dass ein Auto mich mit nimmt? Mit nach Hause? Mit auf einen Lösungsweg für dieses Dilemma? Eine Alternative scheint es wohl nicht zu geben – zumindest zurzeit. Ich schreite zur Straße und warte darauf, dass mich ein Auto mit nimmt. Nach wenigen Minuten werde ich erhört. Ein älteres Ehepaar erbarmt sich und hält an. „Wohin müssen sie?“ fragen sie mich und ich entgegne ihnen, dass ich in die nächste größere Stadt möchte. Weg von diesem Ort. Weg von dieser Wiese des Nichtwissens. Ich möchte wieder ein Champion werden und das wird der erste Schritt zum Sieg. „Wir können Sie aber nur bis Bad Salzberg mitnehmen.“ antworten sie mir. Doch dies ist mir gerade vollkommenen egal, da ich einfach hier fort möchte. Gedanken versunken fahren wir mit 70 Stundenkilometer fort von der Wiese. Fort in Richtung Heimat.
wird fortgesetzt
Du blätterst durch alte Alben
Das Telefon klingelt
Fasern rieseln herab
Hallo Maren,
Ich esse gerne Tauben