Bei “Die rote Bluse” handelt es sich um einen Tagebucheintrag der Protagonistin Bernadette, der Ereignisse, die vor dem ersten Teil der Fortsetzungsgeschichte D mit dem Arbeitstitel “No One Night Kill” passiert sind, beleuchtet.
Liebes Tagebuch, liebe Leser,
ich habe lange überlegt, ob ich dir schreiben soll. Ob ich dir erzählen soll, warum meine Bluse von Rotwein durchtränkt wurde. Wie es dazu gekommen ist? Erst dachte ich mir, dass es vielleicht langweilig ist. Wer ist nicht mal tollpatschig? Ich kenne kaum jemanden, der es nicht ist. Es kommt eher auf die Häufigkeit an. Manche sind es weniger, manche häufiger. Aber Tollpatschigkeit an sich ist kein einmaliges Charaktermerkmal. Also wieso erzähle ich davon? Ich erzähle es, damit du oder besser gesagt ihr mich besser versteht. Damit ihr einschätzen könnt, warum ich das und das mache. Damit ihr wisst, was ich in dem Moment gedacht habe und damit ihr euch besser in mich hinein versetzen könnt. Die Beschreibung, wie es dazu gekommen ist, ist also nur Mittel zum Zweck und nicht der Zweck oder gar das Ziel, die Intention, die ich hiermit verfolge. Ich glaube, dann würde das hier niemand lesen. Wieso auch? Wenn es lustig ist, vielleicht schon. Aber nicht jeder kann über sich selbst lachen. Meine beste Freundin kann das, mein Vater oder auch mein Chef. Aber ich nicht. Ich kann es nicht. Selbstironisch bin ich schon gar nicht. Mir ist alles eher unangenehm, was meine Person betrifft. Zumindest Störungen im alltäglichen Betriebsablauf, der sich Leben nennt. Dann werde ich manchmal ziemlich unsicher und kriege rote Wangen. Sozusagen ein Signal an meine Umwelt: Achtung – Peinlichkeitsalarm. In solchen Momenten würde ich am liebsten verschwinden. In den Boden versinken. Aber leider wurde so etwas noch nicht erfunden. Weswegen ich entweder warte bis meinen Wangen wieder eine normale Farbe annehmen oder ich einfach das Weite suche. Heißt also, dass ich einen ganz wichtigen Termin vergessen habe und deswegen ganz schnell weg muss. Ich denke, viele, die mich besser kennen, haben so etwas schon gedacht. Nicht wahr? Und für alle anderen. Nein, ich bin nicht zehnmal im Monat beim Arzt, bin in keinem Fanclub und habe schon gar nicht vergessen, den Napf meines Hundes zu füllen. Ich habe gar keinen Hund. Geschockt?
Ich hoffe nicht und wenn doch, Entschuldigung. Es tut mir leid. Aber was würdet ihr machen? Ach, ihr werdet ja nicht so schnell verlegen. Aber Manchmal hat mein Peinlichkeitsalarm aber auch etwas Praktisches. Manche lassen mich in Ruhe, weil sie sehen, dass etwas nicht in Ordnung ist. Das ist manchmal nützlich, andere wiederum bohren, fragen nach, was denn los sei. Ob mir etwas unangenehm sei? Ja ist es. Jetzt wisst ihr es. Fragt nicht mehr so scheinheilig und lasst mich ab sofort damit in Ruhe. Verstanden? Wenn nicht, dann werde ich wohl weiter rot werden, ihr werdet mich nerven, ich werde nichts sagen, weil ich mit anderen Gedanken beschäftigt bin. Manchmal ist es ziemlich nervig. Dass meine Wangen erröten. Dass ich dann nichts sagen kann. Ich hasse diese Momente. Einen Moment, wie letzten Freitag. Wir waren bowlen. Wir, das heißt Christina, meine beste Freundin, Jannes, ihr Freund, Kathrin, eine weitere Freundin und Paul. Ich bin nicht sonderlich gut darin. Ich bin nur mitgekommen, weil Paul und Jannes mal wieder bowlen wollten und ich kein Spielverderber sein wollte. Aber von mir aus hätten wir auch was anderes machen können. Aber gut. Der Abend fing ganz locker an. Jannes warf ein paar Strikes. Wie immer. Er räumt einfach alles ab. Vielleicht macht mir Bowlen deswegen auch keinen Spaß. Jannes gewinnt immer. Dagegen habe ich keine Chance. Aber der Abend war trotzdem schön. Wir haben viel gelacht, geflucht, getrunken, gegessen und Paul auch geraucht. Ich rauche selber nicht. Als die obligatorische Siegerehrung bevorstand und Jannes zum Sieger gekürt wurde, passierte mir etwas Peinliches. Ich habe nicht damit gerechnet. Als ich Jannes gratulieren wurde, fiel ich um. Einfach so oder auch nicht. Ich weiß es nicht. Mir wurde schwarz vor Augen. Das Licht ging aus. Ende. Wieso ich umkippte, war mir nicht ganz klar. War ich gestolpert oder wirkte der Alkohol? Weiter lesen »